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Schriften

Mehr Sozialismus [1]

Der wissenschaftliche Sozialismus lehrt uns Frauen, daß wir unsere volle menschliche Befreiung einzig und allein mit der Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln in einer sozialistischen Ordnung erlangen können. Er macht es uns damit zur Pflicht jeder Stunde, für dieses hehre Ideal zu wirken, das das geschichtlich gegebene Ziel der Arbeiterbewegung ist. Den Proletariern ihrerseits erklärt der wissenschaftliche Sozialismus, daß sie dieses ihr Ziel nicht ohne die bewußte, tätige Unterstützung der breitesten Frauenmassen zu erreichen vermögen. Tatsachen über Tatsachen bekräftigen es.
Das rasche und starke Anschwellen der beruflichen Frauenarbeit zwingt die für Lohn oder Gehalt Schaffenden, in der Erwerbsgenossin eine Gefährtin im Ringen um würdige Daseinsbedingungen zu achten und zu gewinnen. Die Zeiten des Friedens zwischen den Staaten sind von Kämpfen zwischen den Klassen erfüllt. Diese Kämpfe nehmen an Ausdehnung und Schärfe zu, ziehen in steigendem Maße die einzelnen und die Familien in Mitleidenschaft und können von den ärmeren Bevölkerungsschichten nur durchgehalten werden, wenn auch ihre Frauen Einsicht und Opferwilligkeit an die umstrittenen Ziele setzen. Die Erkenntnis, daß den Korallen auf dem Meeresgrund gleich Geschlecht nach Geschlecht weiterbauen muß, damit die Menschheit aus dunklen Tiefen zur Sonnenhöhe der Freiheit emporsteige, erhöht das Bewußtsein der Elternverantwortlichkeit. Sie stellt es uns klar vor die Seele, daß der Sozialismus nicht zur dürren, wirtschaftlichen und politischen Formel werden darf, der nur im öffentlichen Leben Heimatberechtigung zuerkannt wird. Nein, daß er eine Weltanschauung ist, die mit der unwiderstehlichen Gewalt einer Religion den ganzen Menschen packt und seine Lebensgestaltung bestimmt. Der Frauen schönes Vorrecht ist es aber, den sozialistischen Idealismus über die Schwelle des Heims zu tragen und hier die heilige Flamme zu hüten, an der sich die beste Lebenskraft des Kindes entzünden soll.

<936> Langsam, viel zu langsam für unsere stürmende Sehnsucht dringen im Proletariat all die Gründe dafür durch, daß die Arbeiterbewegung auch von den Frauen zielklar und freudig mitgetragen werden muß. Der Weltkrieg wird in dieser Hinsicht ein harter Lehrmeister für viele sein, die in ruhigen Zeiten nicht hören wollten. Seit er seine Schrecken über die Völker ausschüttet, ist helles Licht darauf gefallen, daß die Mitarbeit der Frauen in den proletarischen Organisationen jeder Art mehr als nützlich und bedeutsam ist, nämlich einfach unentbehrlich. In der Tat: Wie wäre es heute um viele sozialdemokratische Vereine und Gewerkschaften bestellt, wenn sie nicht einen starken und bereits geschulten, leistungstüchtigen Stamm weiblicher Mitglieder hätten? Der Krieg hat viele hunderttausend gewerkschaftlich und politisch organisierte Männer zum blutigen Waffenhandwerk gezwungen. Nun ist es an den Frauen, die Reihen der proletarischen Vereinigungen um so fester zu schließen und durch unerschütterliche Treue deren Bestand, Arbeit und Gedeihen zu sichern.

Mit dem Beitragszahlen allein ist es nicht getan, wenngleich diese Leistung gegenwärtig für recht viele ein größeres Opfer als sonst darstellt. Seufzt doch gar manche Familie unter der „Tyrannei der Not“, weil ihr mit dem ins Feld befohlenen Vater der Haupternährer entrissen worden ist, und die Verdienstmöglichkeit für die Mutter knapp und unsicher ist oder auch ganz und gar fehlt. Nötiger als je ist die aufklärende Werbearbeit, die die Organisationen ebenso wohl in ihrem Bestand wie in ihrer Lebenskraft erhält und wachsen macht. Werbearbeit unter den breitesten proletarischen Massen, Werbearbeit durch die Frauen zumal unter den Frauen. Für jeden Mann, der draußen dienen muß, zwei Frauen, die daheim dem Sozialismus dienen wollen, das soll die Losung sein. Der Pulsschlag des geistigen und praktischen Lebens der proletarischen Vereinigungen darf nicht stocken, nicht schwächer und langsamer werden. Die Genossinnen müssen zu der früheren Arbeit hinzufügen, was sonst die Genossen leisteten, müssen anregend, vorwärtstreibend, handelnd die höchste Summe ihres Wissens, Könnens und Wollens in den Dienst der Organisationen stellen. Denn deren Wirkungskreis ist durch die Praxis proletarischer Solidarität beträchtlich erweitert worden.
Allein wir wären nicht wert, die nach freiem Menschentum dürstende Seele je an den Quellen des Sozialismus gelabt und neues Leben aus ihnen getrunken zu haben, könnte uns das alles und manches andere noch genügen, was die Stunde von uns fordert. Was wir für die Organisation und durch sie wirken, muß wie eine Schale bis an den Rand mit sozialistischem Geiste erfüllt sein. Dadurch erst und dadurch allein erhält er seinen wahren Sinn und seine höhere Weihe. Lassen wir uns die sozialistische Auffassung nicht trüben durch die Not der Zeit, die die kapitalistische Weltmachtpolitik für alle modernen Staaten – die neutralen nicht ausgenommen … geschaffen hat.

<937> Das A und O für die proletarischen Organisationen muß das sozialistische Endziel bleiben: die Befreiung der Arbeiterklasse als Werk der vereinigten Proletarier aller Länder. An ihm haben wir alle Interessen und Aufgaben der Gegenwart zu messen, an ihm uns inmitten der Ereignisse und Stimmungen des Augenblicks zu orientieren. Könnten wir diese alte Binsenwahrheit hochfahrend von der Hand weisen, der Weltkrieg mit seiner verwirrenden und zersetzenden Rückwirkung auf die Arbeiterbewegung müßte uns daran mahnen, daß wir sie niemals aus den Augen verlieren dürfen. Täuschen wir uns nicht: Diese Rückwirkung wäre unmöglich, wenn nicht viel zu viele politisch und gewerkschaftlich Organisierte allmählich aufgehört hätten, nach dem sozialistischen Endziel als nach der Sonne zu blicken, von der sie für die praktische Tagesarbeit Licht und Wärme empfangen, und deren Kraft den Tätigkeitslauf der proletarischen Vereinigungen bestimmt und regelt.
Mancherlei Umstände bewirken zusammen, daß die vom Sozialismus erfaßten Frauen seinen tiefen Gehalt als Weltanschauung und Lebensauffassung stark und unmittelbar empfinden. Wie viele von ihnen sind nicht an den sozialistischen Idealen zu einem neuen, edleren Leben emporgewachsen! Was zuerst vielleicht oft genug mehr instinktiv, gefühlsmäßig aufgenommen wurde, das hat ernstes Ringen um Erkenntnis und Betätigung geklärt und vertieft. Bezahlen wir dem Sozialismus unsere Schuld für alles, was wir ihm danken. Nicht bloß dem Umfang, der Menge nach, nein, auch vor allem dem sozialistischen Gehalt und Wert nach muß das Wirken der Frauen jetzt von höchster Wichtigkeit für die Arbeiterbewegung sein.
Die Ereignisse, die der Weltkrieg in rasender Hast vor uns vorüberpeitscht, schreien geradezu danach, im klaren Lichte der sozialistischen Geschichtsauffassung betrachtet und gewürdigt zu werden.
Des weiteren haben Krieg und Burgfrieden den politischen Kämpfen und Arbeiten Halt geboten, die gewerkschaftlichen Konflikte eingeengt. Erlahmen wir Frauen nicht in dem Bestreben, diese Situation für die Klärung und Befestigung der sozialistischen Ideen zu nutzen. Je weniger Politik – im engen, zünftigen Sinne –, um so mehr Sozialismus, Sozialismus als geschichtliche Erkenntnis, als Wissenschaft, Weltanschauung. Die Organisationen mit ihrem vielseitigen Leben bieten den Frauen hunderterlei Anknüpfungspunkte, auch die unscheinbarste Kleinarbeit dem Sozialismus bewußt dienstbar zu machen und durch ihre klar hervorgehobenen Beziehungen zu ihm zu adeln. Hier gilt es, im Empfinden und Denken der Organisierten feste Dämme zu bauen, an denen sich der brandende Wogenschwall der imperialistischen Hochflut brechen muß, und hinter denen die sozialistischen Ideale sicher wohnen. In der gleichen Richtung müssen die Frauen die Arbeiterpresse beeinflussen. Kaum eine Veranstaltung, bei der nicht daran erinnert wird, daß die Frauen mit ihrer Sympathie und Tatkraft hinter unseren Organen stehen, sich ihre Verbreitung angelegen sein lassen <938> müssen. An den Genossinnen, ihre Macht zu gebrauchen, um die Parteiblätter überall zur klipp und klaren Vertretung sozialistischer Grundsätze zurückzuführen. Wie bitter not das an recht vielen Orten tut, ist offenes Geheimnis.

Mehr Sozialismus bedürfen wir aber auch als Lebensauffassung. Wie der Gläubige das innere und äußere Geschehen seines persönlichen Daseins an seinen religiösen Überzeugungen prüfte, so muß uns der Sozialismus sichere Maßstäbe für unser Verhalten zur stillen Innenwelt in der eigenen Brust und zur Umwelt geben. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, den Sozialismus zu bekennen, unser heißes Bemühen muß sein, ihn zu leben. Lassen wir den Flügelschlag der Seele nach den sozialistischen Idealen nicht durch die Einflüsterungen des „gesunden Menschenverstandes“ lähmen, daß wir in einer kapitalistischen Welt leben, und daß man mit den Wölfen heulen müsse. Der gesunde Menschenverstand ist nur zu oft nicht bloß ein recht kurzsichtiger, sondern obendrein ein gemeiner Gesell. Seine „Weisheit“ ist in unserem Falle ein Lotterbett für die Faulheit und Feigheit. So gewiß die kapitalistische Gesellschaft die materiellen Vorbedingungen für die sozialistische Ordnung in ihrem Schoße trägt, so sicher keimen und sprossen auch in ihr die geistigen und sittlichen Voraussetzungen dafür im Empfinden, Denken und Wollen der Menschen. Und wenn schon es uns nicht gegeben ist, unter der lastenden Herrschaft des Kapitalismus die sozialistische Gesellschaft aufzurichten, können wir uns doch unseren Teil menschlicher Zukunftsfreiheit vorausnehmen, indem wir treu und kühn jederzeit als Sozialisten handeln. Damit schlagen wir eine feste Brücke, die von den Organisationen, dem öffentlichen Leben zu dem persönlichen Regen und Weben der einzelnen hinüberführt. Nur ein ganzer Mensch kann auch ein ganzer Sozialist sein.

Erachten wir Frauen es als unsere besondere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß diese Erkenntnis sich durchsetzt. Mehr Sozialismus im Erkennen und Handeln, mehr Sozialismus in der Arbeiterbewegung und im Leben des einzelnen!

Fußnoten
  1. Der Artikel ist nicht gezeichnet, aber vermutlich ist Rosa Luxemburg die Autorin. Anhaltspunkte dafür liefern Briefe an Kostja Zetkin und Mathilde Jacob von Anfang Februar 1915. So schrieb sie an Kostja Zetkin z.B. vor dem 6. Februar 1915: „Den Leiter für die Mutter habe ich mir abgequetscht unter den ungünstigsten Bedingungen, nur um sie zu entlasten. Jetzt kriege ich Gänsehaut vor der ‚Umarbeitung‘, die sie daran vornehmen wird.“ Siehe GB, Bd. 5, S. 41.
Quellen

Die Gleichheit (Stuttgart), Nr. 10 vom 5. Februar 1915.

Aus: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 7/2, S. 935–938.