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Entscheidungen

Der Preis der Freiheit

Rosa Luxemburg am Rande des Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart 1907.

Rosa Luxemburg lebte von 1871 bis 1919. Heute wird sie erinnert als poetische Briefeschreiberin und politisch radikale Revolutionärin. Oft wird ihr gewaltsamer Tod zum Grund, sich mit ihr zu beschäftigen, worüber ihr Werk und ihr Leben in Vergessenheit geraten. Umgeben von einer Welt aus Klerikalismus, Patriarchat, Militarismus, Nationalismus und Bigotterie traf sie für ihre Zeit zahlreiche außergewöhnliche Entscheidungen: Mit 17 ging sie in die Schweiz; mit 22 gründete sie eine eigene Partei; mit 27 promovierte sie und zog als ständigen Wohnsitz Berlin der Hauptstadt des aufgeklärten Europas, Paris, vor; mit 28 wurde sie erstmalig Chefredakteurin; mit 33 bezog sie eine Gefängniszelle, nicht zum letzten Mal; im gleichen Jahr kritisierte sie öffentlich Lenin und die Bolschewiki; als sie 47 war, warf man ihre Leiche in Berlin in den Landwehrkanal.

1 Ausgewandert mit 17 Auf jeden Fall studieren – Rosa Luxemburg zieht nach Zürich

Warschau, um 1900. Als Kind glaubte Rosa Luxemburg »fest, dass das ›Leben‹, das ›richtige‹ Leben, irgendwo weit weg ist, dort über die Dächer hinweg. Seitdem reise ich ihm nach. Aber es versteckt sich immer hinter irgendwelchen Dächern.« (Brief an Luise Kautsky, 1904)

Rosa Luxemburg entstammte einem Bildungsbürgertum, das zwar nicht wohlhabend war, aber stets Bildung und Kultur nicht nur pflegte, sondern auch lebte. Geboren 1871 in dem Renaissancestädtchen Zamość im Südosten des heutigen Polen, zog die Familie schon zwei Jahre später in die Großstadt Warschau. Rosa Luxemburg bestand ihr Abitur mit Auszeichnung. Die Pläne der Eltern, ihre Tochter zu verheiraten, scheiterten an der zu geringen Mitgift. Sowohl von der Familie als auch von den zaristischen Behörden erhielt die von einem Studium Träumende – mehr Mädchen als schon Frau – 1888 die Genehmigung zur Ausreise in die Schweiz. Ein Schritt, der heute als feministisch verstanden würde. 

Lina und Eliasch Luxenburg. Rosa Luxemburg entstammte mütterlicherseits einer Rabbinerfamilie. Die Eltern lebten ein aufgeklärtes liberales Judentum. Als Rosa Luxemburg drei Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Warschau, nicht ins Ghetto, sondern – wie viele reformierte Juden – in ein »christliches Viertel« in der Nähe. Deshalb blieb die Familie, als es 1881 nach einem Attentat auf den russischen Zaren auch in Warschau zu einem Pogrom kam, von den Mörderbanden unbehelligt.
Die zwölfjährige Rosa Luxemburg. Als Kind erlitt Rosa Luxemburg durch eine falsche ärztliche Behandlung einen Hüftschaden. Das Lesen brachte sie sich selbst bei – im Krankenbett. Im Haushalt ihrer Eltern wurde Polnisch, Deutsch und Französisch gelesen. Nur das Abitur war auf Russisch, der Sprache der Besatzer, abzulegen. Während die Mutter die französische Literatur favorisierte, las der Vater die deutsche. Goethe wurde Rosa Luxemburgs ständiger Begleiter; noch am Abend ihrer Ermordung las sie vor ihrem Verhör im Eden-Hotel im »Faust II«.

Rosa Luxemburg bei der Familie ihres Bruders Mikolai in Berlin, Ostern 1902. Die Luxemburgs hatten zwei Töchter und drei Söhne, Rosa war die jüngste. Gehörten ihre Eltern noch einem Bildungsbürgertum an, dem die kapitalistische Wirtschaft finanzielle Probleme bereitete, wurden die Söhne erfolgreiche Unternehmer und Akademiker. Die weitverzweigte Familie lebte auf ganz Europa verteilt. Die Luxemburgs waren Weltbürger, für Nationalismus war wenig Platz.

2 Doch keine Zoologie Rosa Luxemburg verfällt der Politik

Zürich, alte Universität, 1890 (heute Eidgenössische Technische Hochschule). Da in der Satzung der 1833 gegründeten Universität das Geschlecht der Studierenden nicht festgelegt war, wurde sie auf dem europäischen Festland 1840 zur ersten höheren Bildungsanstalt, an der Frauen studieren durften.
Auch Rosa Luxemburgs 1898 veröffentlichte Doktorarbeit diente der politischen Arbeit. Dem Titel nach behandelt sie »Die industrielle Entwicklung Polens«. Beschäftigt hat sich Rosa Luxemburg darin aber vor allem mit der Entstehung ihrer Zielgruppe: der Arbeiterschaft, die Rosa Luxemburg in den Kampf gegen Zarismus und Kapitalismus führen wollte.

Zürich. Auf den ungeheizten Dachböden des provinziellen Zürich entstand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch die Zuwanderung osteuropäischer Studentinnen und Studenten eine antikapitalistische Parallelgesellschaft. Anders als viele ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen, vor allem die russischen und polnischen, war Rosa Luxemburg keine Exilantin, sondern freiwillig angereist. So war sie in beiden Gesellschaften Zürichs zu Hause. Rosa Luxemburg begann mit dem Studium der Zoologie, wechselte nach drei Jahren aber nicht nur zu den Staatswissenschaften, sondern verfiel erst einem Mann, dann der Politik. Zusammen mit ihrem Geliebten Leo Jogiches und zwei weiteren Freunden, Julian Marchlewski und Adolf Warski, begründete sie 1893 die polnische Sozialdemokratie. 1905 schrieb sie an Jogiches, kurz vor ihrer Trennung: » und Du wurdest mir verhasst als derjenige, der mich für immer an diese verfluchte Politik geschmiedet hat.« [1]

1 Rosa Luxemburg an Leo Jogiches, 20. Oktober 1905, in: dies.: Gesammelte Briefe, Bd. 2, 3. korr. und erg. Aufl., Berlin 1999, S. 209.

Leo Jogiches (1867–1919). Er stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie, Emigration 1890, Kopf der polnischen Sozialdemokratie, studierte Zoologie, beendete aber das Studium nicht. Wurde als Vertreter der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauen (SDKPiL, bis 1900 SDKP) in der Führung der russischen Sozialdemokratie (1906–1912) zu Lenins Gegenspieler. Während des Ersten Weltkriegs Organisator des antimilitaristischen Widerstands in Deutschland, wurde acht Wochen nach Rosa Luxemburgs Tod im Gefängnis Moabit ebenfalls ermordet.
Rosa Luxemburg, 1895, wahrscheinlich in Paris. Aus der ohnehin nicht sehr untertänigen Untertanin wurde in Westeuropa eine selbstbewusste Citoyenne – sie gehörte zu jenem Typ Bürger, den die Französische Revolution geboren hatte und der in Deutschland nie heimisch wurde.

Erste Nummer der »Sprawa Robotnicza« (Arbeitersache), dem illegal ins Zarenreich gebrachten Organ der Sozialdemokratie des Königreichs Polen (SDKP), vom Juli 1893. Die Zeitung entstand in Zürich, wurde aber in Paris gesetzt und gedruckt. Bis Juli 1896 erschienen insgesamt 25 Nummern. Rosa Luxemburg sammelte hier Erfahrungen als Redakteurin, schrieb anonym selbst über 30 eigene, heute identifizierte Beiträge. Nachdem die Strukturen der SDKP in Polen von der Zarenpolizei zerschlagen worden waren, musste die Zeitung das Erscheinen einstellen. 

3 Rosa Luxemburg betritt die europäische Bühne Die Entscheidung, zu widersprechen

Zusammen mit August Bebel 1904 während des 6. Internationalen Sozialistenkongresses in Amsterdam. Für ihre Teilnahme an diesem Kongress erhielt Rosa Luxemburg von der SPD und der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauen (SDKPiL) ein doppeltes Mandat. Der Kongress wählte sie in das Internationale Sozialistische Büro. August Bebel (1840–1913) war gemeinsam mit Wilhelm Liebknecht 1869 Begründer und bis zu seinem Tode führender Repräsentant der deutschen und internationalen Sozialdemokratie.

Nach der Verteidigung ihrer Dissertation zog Rosa Luxemburg 1898 nach Berlin und stellte sich dort der SPD für die Agitation in den preußisch besetzten Gebieten Polens zur Verfügung. So wollte sie auch erfolgreicher auf die Entwicklung im russisch besetzten Teil Polens einwirken. Doch ebenso ungeplant wie unerwartet katapultierte es sie binnen weniger Monate auf die Bühne der deutschen und europäischen Sozialdemokratie: Rosa Luxemburg hatte sich in ihrer Schrift »Sozialreform oder Revolution?« (1899) öffentlich gegen den Versuch einer Revision der marxschen Auffassungen durch Eduard Bernstein gestellt. Damit hatte sich die junge Frau mit einer der höchsten Autoritäten der Linken angelegt: Bernstein war der Nachlassverwalter von Marx und Engels. Zwei Jahre zuvor hatte Rosa Luxemburg noch der Hilfe der jüngsten Tochter von Karl Marx, Eleanor Marx Aveling, bedurft, um auf einem Kongress der Sozialistischen Internationale mit ihrer Partei überhaupt zugelassen zu werden. Mit 28 Jahren war aus einer jungen Jüdin in einer Züricher Studentenbude eine bekannte europäische Persönlichkeit geworden. Wobei Rosa Luxemburg stets mehr Feinde als Freunde besaß. Ihre Überzeugungen zog sie der Treue gegenüber Gruppen vor.

Basel, 1898. Damit Rosa Luxemburg, zum Schutz vor einer Ausweisung nach Russland, preußische Staatsbürgerin werden konnte, gingen sie und der Schriftsetzer Gustav Lübeck (1873–1945) – Sohn der ersten Züricher Wirtin von Rosa Luxemburg, einer Emigrantin aus Preußen – bis 1903 eine Scheinehe ein.
»Sozialreform oder Revolution?« (1899). Was damals als falsches Gegensatzpaar den sogenannten Revisionsstreit auslöste, war nach Rosa Luxemburgs Auffassung vielmehr eine Verknüpfung von Reform und Revolution. Die Sozialdemokratie solle, so ihre Forderung, bei Reformen im täglichen Handgemenge niemals das revolutionäre Ziel aus den Augen verlieren. Heute hat sich dafür der Begriff »revolutionäre Realpolitik« etabliert.
Eduard Bernstein (1850–1932). In einer Auseinandersetzung mit den Auffassungen von Eduard Bernstein konterte Rosa Luxemburg den Vorwurf, »als junger Rekrut in der Bewegung die alten Veteranen belehren zu wollen«: »Daß ich mir meine Epauletten in der deutschen Bewegung erst holen muss, weiß ich; ich will es aber auf dem linken Flügel tun, wo man mit dem Feinde kämpfen, und nicht auf dem rechten, wo man mit dem Feind kompromisseln will […].« (Rosa Luxemburg: Rede auf dem Parteitag der Sozialdemokratie 1898 in Stuttgart, in: dies: Gesammelte Werke, Bd. 1/1, Berlin 1970, S. 238)
Das 1904 in Amsterdam gewählte Internationale Sozialistische Büro (ISB), dem Rosa Luxemburg –zwischen mehrheitlich alten Männern – bis 1914 angehörte. Das ISB koordinierte zwischen den Kongressen die Arbeit der Sozialistischen Internationale.
Berlin, Unter den Linden, um 1900. Kurz nach ihrer Ankunft in Berlin schrieb Rosa Luxemburg noch: »Berlin macht auf mich allgemein den widrigsten Eindruck: kalt, geschmacklos, massiv – die richtige Kaserne; und die lieben Preußen mit ihrer Arroganz, als hätte jeder von ihnen den Stock verschluckt, mit dem man ihn einst geprügelt.« (Rosa Luxemburg an Mathilde und Robert Seidel, 30. Mai 1898, in: dies.: Gesammelte Briefe, Bd. 1, Berlin 1982, S. 136)

4 Klartext um jeden Preis Die Entscheidung, sich nicht den Mund verbieten zu lassen

Rosa Luxemburg, Deutz 1910. Als Rednerin füllte sie die größten Säle und Plätze, wo es – ohne die heutige Technik – schwierig war, mit der Stimme durchzudringen. Hier während der Wahlrechtskampagne 1910. 

Ferdinand Lassalle, der Begründer der selbstständigen deutschen Arbeiterbewegung, hatte erklärt, es sei die revolutionärste Tat, »immer laut zu sagen, was ist«. Das hat Rosa Luxemburg seit ihrem Eintritt in die Politik stets getan. Ob als Journalistin, als Rednerin oder wenn sie sich wegen ihrer Tätigkeit vor Gericht zu verantworten hatte. Insgesamt saß Rosa Luxemburg vier ihrer knapp 48 Lebensjahre in Gefängnissen, das erste Mal in Zwickau 1904: wegen Majestätsbeleidigung. Es folgten 1906 drei Aufenthalte in Gefängnissen in Warschau: wegen ihrer Beteiligung an der russischen Revolution; 1907 erstmals im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin: wegen »Aufreizung zu Gewalttätigkeiten«; 1915 – für ein Jahr – das zweite Mal in der Barnimstraße: wegen Aufforderung zum Ungehorsam; 1916 – bis zum 9. November 1918 – im Polizeigefängnis an Berlins Alexanderplatz, noch einmal in der Barnimstraße sowie im Gefängnis in Wronke bei Posen und 1917 im Gefängnis in Breslau: wegen fortgesetzter antimilitaristischer Arbeit. Trotzdem scheute sich Rosa Luxemburg nicht zu sagen, was sie für richtig hielt.

Zeichnung von Rosa Luxemburg. Sie verbrachte kaum weniger Lebenszeit als im Gefängnis in Zügen, in denen sie kreuz und quer durch Europa reiste – nicht zuletzt zu Vorträgen. Mitunter benutzte sie die Zeit zum Zeichnen, das während der langen Haft im Weltkrieg Teil ihrer Überlebensstrategie wurde.

Rosa Luxemburg war nicht nur als Autorin eine erfolgreiche Journalistin, sondern auch als Redakteurin. Sie war die einzige, die die Chefredaktionen der drei größten sozialdemokratischen Zeitungen führte: 1898 der »Sächsischen Arbeiterzeitung« (Dresden), 1902 der »Leipziger Volkszeitung« und 1905 des zentralen Parteiblatts »Vorwärts« (Berlin). Aus den beiden ersten Führungspositionen wurde sie wegen ihres Geschlechts gemobbt – die Herren Redakteure fühlten sich zurückgesetzt.
Über das Verfassen von Artikeln für die Parteipresse schrieb Rosa Luxemburg 1898: »Ich bin unzufrieden mit der Art und Weise, wie man in der Partei meist die Artikel schreibt. Es ist alles so konventionell, so hölzern, so schablonenhaft. […] Ich glaube, dass man jedesmal, jeden Tag, bei jedem Artikel die Sache wieder durchleben, durchfühlen muss, dann würden sich auch frische vom Herzen und zu Herzen gehende Worte für die alte bekannte Sache finden …« (Rosa Luxemburg an Robert Seidel, 23. Juni 1898, in: dies.: Gesammelte Briefe, Bd. 1, Berlin 1982, S. 153)

5 Keine Törtchen mehr in Berlin Die Entscheidung, in eine Revolution zu ziehen

St. Petersburg, vor dem Winterpalais, Januar 1905. Bis 1904/05 galt in aller Welt als ausgemacht, dass, erstens, das russische Heer in Asien unbesiegbar sei und, zweitens, Russland geschichtslos bleibe, weil die Russen alles widerspruchslos erduldeten. Die Siege der japanischen Armee desavouierten nicht nur die erste Annahme, sondern stürzten Russland in eine ökonomische Krise, die das »geschichtslose« Pulverfass zur Explosion brachte. Dieses Mal konnte die Revolution noch niedergeschlagen werden.




Die im Januar 1905 in St. Petersburg ausgebrochene russische Revolution breitete sich schnell im Reich aus, auch in den industrialisierten Teilen des russisch besetzten Polen. In fast täglich veröffentlichten Berichten versuchte die in Berlin arbeitende Rosa Luxemburg als Chefredakteurin des SPD-Zentralorgans »Vorwärts« der deutschen Sozialdemokratie die Bedeutung dieser Revolution zu vermitteln – mit wenig bis keinem Erfolg. Ende Dezember 1905 hatte sie genug, sie tauschte die ebenso gut bezahlte wie ungefährliche Tätigkeit gegen die Illegalität in Warschau. Am 4. März 1906, einem Tag vor ihrem 35. Geburtstag, wurde Rosa Luxemburg zusammen mit ihrem Partner Leo Jogiches verhaftet. Bis Mitte Juli war sie in Haft, unter anderem im berüchtigten »X. Pavillon« in der Warschauer Zitadelle, in dem die »Politischen« verwahrt wurden. 

Warschau 1905, Ausstand der Zeitungsjungen. Luise und Karl Kautsky in Berlin berichtete Rosa Luxemburg ebenso nüchtern wie ernüchtert: »…ungeheure Schwierigkeiten mit den Druckereien, tägliche Verhaftungen und die Bedrohung der Festgenommenen mit Erschießung. […] Ein unbeschreibliches Chaos in der Organisation, Fraktionskrach trotz aller Einigung und allgemeine Depression. Mag dies unter uns bleiben.« (Rosa Luxemburg an Luise und Karl Kautsky, 5. Februar 1906, in: dies.: Gesammelte Briefe, Bd. 2, 3. korr. und erg. Aufl., Berlin 1999, S. 246 f.)
Dezember 1905: Rosa Luxemburgs Leitartikel auf der ersten Seite des »Vorwärts« über die Unruhen in der zaristischen Schwarzmeer-Flotte.
Aus dem Warschauer Gefängnis, 1906. In Warschau war Rosa Luxemburg – sie reiste als deutsche Journalistin Anna Matschke – verhaftet worden. Um sie aus dem Gefängnis zu befreien, zahlten ihre Familie und der deutsche Parteivorstand – gegen Luxemburgs ausgesprochenen Willen und hinter ihrem Rücken – eine Kaution. Danach schrieb sie enthusiastisch, aber wohl auch, um ihre sich sorgenden Freunde in Berlin zu beruhigen: »Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark.« (Rosa Luxemburg an Mathilde und Emanuel Wurm, 18. Juli 1906, in: dies.: Gesammelte Briefe 2, 3. korr. und erg. Aufl., Berlin 1999, S. 259) 

6 Für die Revolution, aber gegen Terror und Putsche Die Lebensentscheidung, sich jeder totalitären Anwandlung zu verweigern

Cover von »Massenstreik, Partei und Gewerkschaften«. Den Text schrieb Rosa Luxemburg 1906 während ihres Aufenthalts in Finnland, kurz bevor sie zum anstehenden Parteitag der SPD aufbrach. Ihre Forderung, den politischen Massenstreik ins Repertoire des Klassenkampfs von unten aufzunehmen, stieß bei den SPD-Gewaltigen zunehmend auf Unwillen. Längst war die Beteiligung der Anhänger der Sozialdemokratie am politischen Klassenkampf durch die Arbeit ihrer Vertreter in den Parlamenten abgelöst worden.

Nach der Entlassung aus dem Warschauer Gefängnis tauchte Rosa Luxemburg als Felicia Budilowitsch (»Die glücklich [wieder zum Leben] Erweckte«) für anderthalb Monate in Finnland unter, das zwar auch russisch besetzt war, jedoch wesentlich liberaler geführt wurde. Von hier aus besuchte sie – unerkannt – nicht nur ihre Mitkämpfer Leo Trotzki, Alexander Parvus und Leo Deutsch wiederholt im Petersburger Gefängnis –, über mehrere Wochen diskutierte sie mit dem ebenfalls nach Finnland geflohenen Lenin und seinem Kreis über die gerade niedergeschlagene Revolution. Danach war klar: In der Frage der Unvermeidbarkeit einer Revolution waren sie sich einig, im Wie – mit oder ohne Terror – würden sie aber nie übereinstimmen. Aus der Revolution brachte Rosa Luxemburg die Erfahrung mit den dort erfolgreich verlaufenen politischen Massenstreiks mit. Ein taktisches Mittel, mit dem sie zukünftig auch in Deutschland für die Schaffung einer Republik kämpfen wollte.

Wege in die Revolution: Lenin (eigentlich Wladimir Iljitsch Uljanow, 1870–1924). Im Sommer 1917 sollte sich Lenin (hier verkleidet) erneut in Finnland verstecken, bevor er den Oktoberumsturz anführte. Rosa Luxemburg notierte dazu: »Die Bolschewisten mögen denn auch sicher noch viele Fehler begehen. Aber auf sie passt das Wort […] von dem edlen Pferd, das nie mehr Funken aus den Steinen schlage, als wenn es stolpere. Und die spätere Geschichte wird über sie sicher urteilen, wie der alte Ziegler am Grabe Lassalles urteilte: ›Er war ein Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.‹« (Rosa Luxemburg: Nicht nach Schema F. In: Spartacus, Nr. 8, Januar 1918; wiederveröffentlicht in: Paul Levi: Ohne einen Tropfen Lakaienblut. Schriften, Reden, Briefe, Bd. I/1: Spartakus, hrsg. von Jörn Schütrumpf, Berlin 2018, S. 448)
Wege in die Revolution: Feliks Dzierżyński (1877–1926) – leitete ab 1900 zusammen mit Rosa Luxemburg und Leo Jogiches die Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens, eine Partei, die Rosa Luxemburgs demokratisch-sozialistische Positionen vertrat. Dzierżyński wechselte 1917 zu den Bolschewiki und wurde als deren Geheimdienstchef zum Inbegriff des von Lenin geforderten »Roten Terrors«.
Wege in die Revolution: Alexandra Kollontai (1872–1952) – revolutionäre Frauenrechtlerin, 1917 Volkskommissarin (Ministerin) für soziale Fürsorge, setzte das Recht auf Schwangerschaftsabbruch durch, 1921 gegen Lenin und Trotzki Kopf der »Arbeiteropposition«, danach in den diplomatischen Dienst abgeschoben. Überlebte als eine der wenigen Weggefährten Lenins den stalinschen Terror.
Wege in die Revolution: Angelica Balabanoff (1869–1965) – 1912 Führerin des Partito Socialista Italiano, Verbündete von Clara Zetkin, Leo Jogiches und Rosa Luxemburg, koordinierte während des Ersten Weltkrieges die antimilitaristische internationale Zimmerwalder Bewegung, 1919 als »Sekretär« Aushängeschild der Kommunistischen Internationale, 1921 Bruch mit den Bolschewiki und Emigration.
Wege in die Revolution: Parvus, Trotzki und Leo Deutsch 1906 im Gefängnis in Petersburg. Leo Deutsch (eigentlich Lew Grigorjewitsch Deitsch, 1855–1941) – ab 1903 einer der Führer der Menschewiki – flüchtete viermal aus der Verbannung. Parvus (eigentlich Israil Lasarewitsch Helphand, 1867–1924) mutierte nach der Revolution von 1905/06 zum Waffenhändler, Trotzki (eigentlich Lew Dawidowitsch Bronstein, 1879–1940) leitete im Oktober 1917 den bewaffneten Aufstand der Bolschewiki.

»Generalstreik!« Der bekannteste und erfolgreichste politische Generalstreik in Deutschland sollte nach der Ermordung Rosa Luxemburgs 1920 zur Abwehr des sogenannten Kapp-Putsches stattfinden. In der Bundesrepublik gilt »politischer Streik« als verboten. Wenn die Fridays-for-Future-Bewegung heute einen globalen Klimastreik fordert, greift sie im Kern Rosa Luxemburgs Massenstreik-Gedanken wieder auf.

7 Befreiung Die Entscheidung, frei zu leben und zu lieben

Clara Zetkin-Zundel und Rosa Luxemburg 1910 in Magdeburg: »Die letzten beiden Männer der Sozialdemokratie« (Rosa Luxemburg) waren – Frauen.

Rosa Luxemburgs Verhältnis mit Leo Jogiches war schon vor der russischen Revolution von 1905/06 zerrüttet. Nach ihrer Rückkehr aus den russischen Gefängnissen beendete Luxemburg ihre zur Qual gewordene erste große Liebesbeziehung. Es folgte ganz großes Kino: Die Ankündigung von Jogiches, Rosa Luxemburgs neuen Liebhaber Kostja Zetkin, sie selbst und sich umzubringen, nahm sie so ernst, dass sie sich einen Revolver zulegte. Und ein neues Kapitel im Leben Rosa Luxemburgs begann. Nun lebte sie sich im einst ungeliebten Berlin ein – mit neuen Freunden und auch Geliebten. Ihre Arbeit verrichtete Luxemburg weiterhin „wie besessen“. Sie verfasste zahlreiche Artikel für Zeitungen in mehreren Sprachen, schrieb Briefe innerhalb eines europäischen Korrespondentennetzes, besuchte Parteitage, Kongresse und nahm Einladungen zu reichsweiten Vortragsreisen an. Politisches Handeln setzte für Rosa Luxemburg politische Bildung voraus. Ab 1907 übernahm sie jeweils im Winter einen sechsmonatigen Lehrauftrag für Nationalökonomie an der SPD-Parteischule und kam mit dem Gehalt (3.000 RM pro Jahr) nun auch finanziell gut zurecht. Die Arbeit beflügelte sie. Aus ihr erwuchsen ihre beiden ökonomischen Hauptwerke, »Einführung in die Nationalökonomie« und »Die Akkumulation des Kapitals« – noch heute inspirierende Versuche, marxsches Denken über Marx hinaus anzuwenden.

SPD-Parteischule, 1910. Rosa Luxemburg war die einzige Frau im Lehrkörper – hier abgebildet in der letzten Reihe. Sie galt als der beliebteste Lehrer der Schule, sicher auch aufgrund ihres pädagogischen Ansatzes: »Wir haben uns bemüht, ihnen von erster bis zu letzter Stunde klarzumachen, dass sie noch kein fertiges Wissen haben, dass sie noch weiterlernen, dass sie ihr ganzes Leben lang lernen müssen.« (Rosa Luxemburg: Gewerkschaftsschule und Parteischule, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 2, Berlin 1972, S. 552)
Rosa Luxemburg und Luise Kautsky im gemeinsamen Urlaub in der Schweiz, Sommer 1909. Luise Kautsky (1864–1944) hielt in der Öffentlichkeit die Erinnerung an ihre ermordete Freundin wach.




»Die Zeit, als ich die ›Akkumulation‹ schrieb, gehört zu den glücklichsten meines Lebens. Ich lebte wirklich wie im Rausch, sah und hörte Tag und Nacht nichts als dieses eine Problem, das sich so schön vor mir entfaltete, und ich weiß nicht zu sagen, was mir höhere Freude bereitete: der Prozess des Denkens, wenn ich eine verwickelte Frage im langsamen  Hinundherwandeln  durch das Zimmer wälzte  […], oder das Gestalten, das literarische Formen mit der Feder in der Hand«.[2]

2 Rosa Luxemburg an Hans Diefenbach, 12. Mai 1917, in: dies.: Gesammelte Briefe, Bd. 5, Berlin 1984, S. 234.

Von Rosa Luxemburgs neuen Beziehungen fand die zu Kostja Zetkin (1885-1980), dem Sohn ihrer Freundin Clara Zetkin, die größte Beachtung. Die 14 Jahre ältere Luxemburg wurde ihm Lehrerin, Freundin und Geliebte. Sie teilte mit ihm ihre Gedanken, ihren Kummer und ihre Freude. Nach ihrer Trennung schrieb sie: »… und ich bleibe dabei, dass der Charakter einer Frau sich zeigt nicht, wo die Liebe beginnt, sondern wo sie endet.« (Rosa Luxemburg an Mathilde Jacob, 9. April 1915, in: dies.: Gesammelte Briefe, Bd. 5, Berlin 1987, S. 54)
Rosa Luxemburg 1907 in ihrer Wohnung. Bis zu ihrer Ermordung sollte sie in Berlin folgende Wohnadressen haben: 
1898/99: Cuxhavener Straße 2 (Mitte);
1899: (Wilhelm-)Hauff-Straße 4 (Friedenau), Lützowstraße 51; 
1899–1901: Wielandstraße 23 (Friedenau);
1901–1911: Cranachstraße 58 (Friedenau);
1911–1919: Lindenstraße 2 (Südende).
Rosa Luxemburgs treueste Mitbewohnerin war die verwahrlost aufgefundene Katze »Mimi«. Der Kinderwunsch hat sich für Rosa Luxemburg nicht erfüllt. 
 

8 Lieber ins Gefängnis als ein Gnadengesuch Die Entscheidung, allein gegen (fast) alle anzutreten

Noch im Sommer 1914 setzten Rosa Luxemburg und ihre Anwälte (hier im Bild der damals mit Rosa Luxemburg liierte Paul Levi sowie Kurt Rosenfeld) den preußischen Militärstaat massiv unter Druck, indem sie dem Gericht 30.000 Zeugen für Soldatenmisshandlungen präsentierten. Dieser auch medial größte Erfolg Rosa Luxemburgs änderte jedoch nichts am Herannahen des Kriegs.
Auf den Antrag der Staatsanwaltschaft, einen Haftbefehl wegen »Fluchtgefahr« sofort zu vollstrecken, antwortete sie: »Herr Staatsanwalt, ich glaube Ihnen, Sie würden fliehen. Ein Sozialdemokrat flieht nicht, er steht zu seinen Taten und lacht Ihrer Strafen.« (Rosa Luxemburg: Verteidigungsrede vor der Frankfurter Strafkammer, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 3, Berlin 1973, S. 406) Nach der Verurteilung gingen Rosa Luxemburg und ihre beiden Anwälte reichsweit auf eine Vortragstour – auch in den Münchener Kindl-Keller, wie hier annonciert für den 21. März 1914.

Neben dem Kampf für ein allgemeines gleiches Wahlrecht in den deutschen Ländern sowie dem Eintreten für die Republik, eine Position, die Rosa Luxemburg ziemlich einsam vertrat, wurde der Kampf gegen die Militarisierung der Gesellschaft und gegen einen aufziehenden Weltkrieg immer dringender. Wie Karl Liebknecht warnte Rosa Luxemburg schon frühzeitig vor beidem. Mit ihrem Versuch, den Massenstreik als taktisches Mittel in das Repertoire der deutschen Sozialdemokratie einzuführen, erlebte sie jedoch eine politische Niederlage.

Karl Kautsky (1854–1938) wurde zum Sinnbild des Auf- und Abstiegs der europäischen Sozialdemokratie. Als Theoretiker und Publizist hatte er die Sozialistische Internationale wesentlich geprägt. Aus der engen Freundschaft mit Rosa Luxemburg wurde schon vor dem Weltkrieg eine abgrundtiefe Gegnerschaft, weil sie sich weigerte, von der revolutionären Politik abzulassen.
Eine weltgeschichtliche Katastrophe: die Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie – »Juniusbroschüre«
»Eine weltgeschichtliche Katastrophe: die Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie.« Ihre Abrechnung verfasste Rosa Luxemburg im Gefängnis. Sie wurde als »Juniusbroschüre« bekannt. (abgedruckt in: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 4, 6. überarb, Aufl., Berlin 2000, S. 49-164)

Nach der russischen Revolution von 1905/06 war von polnischen Antisemiten Rosa Luxemburg und Leo Jogiches vorgeworfen worden, sie, die Juden, hätten 1905 brave christliche polnische Arbeiter in die Revolution gehetzt und sich selbst danach ins Ausland abgesetzt. Nicht zuletzt deshalb verweigerte sich Rosa Luxemburg 1914, als sie wegen »Aufforderung zum Ungehorsam« verurteilt wurde, der Empfehlung ihrer Freunde, aus Deutschland zu emigrieren; auch eine ihr in Aussicht gestellte Begnadigung durch den Kaiser lehnte sie ab. Ende Juli 1914 begann der Erste Weltkrieg, kurz zuvor war die Sozialistische Internationale – auf die Rosa Luxemburg so viel Hoffnung gesetzt hatte – nahezu geräuschlos zusammengebrochen. Am 18. Februar 1915 bezog Rosa Luxemburg für ein Jahr eine Zelle im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße.

Frauengefängnis Barnimstraße, Berlin.
»Ausflug nach Paris«, August 1914. Nach Kriegsbeginn vereinsamte Rosa Luxemburg in den ersten Wochen völlig; selbst engste Vertraute wurden zu kriegerischen Patrioten. Die deutsche Bevölkerung, mit besonderer Brutalität kontrolliert und unterdrückt durch einen Polizei- und Militärstaat, verarmte während dieses Krieges – während Rüstungsindustrielle und Schieber Reichtümer anhäuften.

9 Unbeugsam Die Entscheidung, um keinen Preis aufzugeben

Zelle von Rosa Luxemburg im Gefängnis in Wronke, 1916/17. Ihr wurde gestattet, im Gefängnishof einen eigenen Blumengarten anzulegen.

Auch nach der Entlassung aus dem Gefängnis im Februar 1916 führte Rosa Luxemburg ihren antimilitaristischen Kampf weiter. Mit der Gruppe »Internationale« – nach ihrem illegalen Blatt »Spartacus« bald nur noch Spartakusgruppe genannt und als solche auch verfolgt – bildete sich um sie zum 1. Januar 1916 ein neuer Kreis. Luxemburg hatte für ihn die programmatischen Thesen verfasst. Keine sechs Monate nach ihrer Entlassung wurde angeordnet, Rosa Luxemburg in militärische »Schutzhaft« zu nehmen. Die ohnehin magenkranke Frau war es gewohnt, ihre Depressionen selbst zu behandeln. Nun jedoch ging es unter widrigen Umständen, die ab Herbst 1917 im Breslauer Gefängnis noch widriger wurden, nicht mehr nur darum, sich selbst im Gleichgewicht zu halten, sondern auch ihre Freundinnen in der Freiheit aufzuheitern. Das Ergebnis findet sich im Bändchen »Briefe aus dem Gefängnis«, ein beiläufig entstandenes Stück Weltliteratur. Ein anderes Stück Weltliteratur entstand im September und Oktober 1918 – auch im Gefängnis: das Fragment über »Die russische Revolution«, 1921/22 veröffentlicht und bis heute einer der Basistexte für eine sozialistische Kritik an den Bolschewiki. 

Viele Briefe richtete Rosa Luxemburg an ihre engste Vertraute Mathilde Jacob (1873–1943); ihr steckte sie auch die Kassiber zu. Zusammen mit Leo Jogiches war Mathilde Jacob die eigentliche Organisatorin der Spartakusgruppe. Nach der Ermordung Luxemburgs sicherte sie deren Nachlass. Ihr Leben endete im Konzentrationslager Theresienstadt.
Briefe wurden zur wichtigsten Verbindung mit der Außenwelt – neben denen, die die Zensur passieren mussten, nicht wenige Kassiber. Alle Artikel Rosa Luxemburgs für den illegalen »Spartacus« wie für den Duisburger »Kampf« verließen auf illegalem Weg die Haftanstalten. Die »Briefe aus dem Gefängnis« werden seit 100 Jahren immer wieder aufgelegt. Einige zählen zur Weltliteratur.
Auszüge aus Rosa Luxemburgs 1912 angelegtem Herbarium.
Im Gefängnis pflegte Rosa Luxemburg ihre botanische Leidenschaft, wandte sich der Mineralogie zu und führte ihre ornithologischen Studien fort.
Der Beginn des Weltkriegs veranlasste Rosa Luxemburg und den Reichstagsabgeordneten Karl Liebknecht (1871–1919), politisch zusammenzuarbeiten. Mit seinem Nein zu weiteren Kriegskrediten wurde der Rechtsanwalt zur Stimme der deutschen Linken. Seine Verhaftung am 1. Mai 1916 machte ihn nicht mundtot: Liebknecht ermutigte Menschen auf allen kriegführenden Seiten zum Widerstand gegen den Militarismus. Der Mitbegründer der KPD wurde am 15. Januar 1919 zusammen mit Rosa Luxemburg ermordet.

10 Alle Macht den Räten Die Entscheidung, eine politische Revolution zu einer sozialen Revolution weiterzutreiben

Letzter Reichstag oder erstes Revolutionsparlament? Vom 16. bis 20. Dezember 1918 tagte im Preußischen Abgeordnetenhaus (Berlin) der Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte, eröffnet durch Richard Müller, den Kopf der basisdemokratisch agierenden »Revolutionären Obleute«.

In der Russischen Revolution vom Februar 1917 kündigten sich Umbrüche an, die im Herbst 1918 auch Deutschland erfassten. Mit der Novemberrevolution öffneten sich für Rosa Luxemburg die Gefängnistore. In Berlin übernahm sie die Redaktion der Zeitung »Rote Fahne«. Da die SPD-Führung sich an die Spitze der Revolution stellte – mit dem Ziel, sie abzuwürgen –, wandte sich Luxemburg vehement gegen die Führung ihrer einstigen Partei. Die am Jahreswechsel 1918/19 gegründete Kommunistische Partei übernahm Rosa Luxemburgs Programm, das sie für den Spartakusbund verfasst hatte. Luxemburgs Ziel war es, die Novemberrevolution in Deutschland als politische Umwälzung unumkehrbar zu machen und langfristig zu einer sozialen Umwälzung voranzutreiben. Doch wirklich ausrichten konnte sie in den ihr verbleibenden 68 Tagen kaum etwas. Erste Hetzplakate tauchten bereits im Dezember 1918 auf, bald setzte eine Pogromstimmung ein. Am 15. Januar 1919 ermordeten deutsche Offiziere Rosa Luxemburg. Ihre Leiche wurde erst am 31. Mai aufgefunden.

Die »Revolutionären Obleute« waren in Berlin die Macht; sie vertraten 200.000 Arbeiter. Rosa Luxemburgs Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund) hingegen hatte Anfang 1919 in Berlin 300 Anhänger. Am Abend des 4. Januar rief die Mehrheit der Obleute zum Widerstand gegen die Absetzung des Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) auf. Rosa Luxemburg veröffentlichte diesen Aufruf nicht, trotzdem wird bis heute die Legende vom »Spartakusaufstand« weitergetragen.
Protokolle des Gründungsparteitags der KPD. Rosa Luxemburg lehnte es stets ab, die SPD bzw. – später – die 1917 entstandene pazifistische Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) zu verlassen, in die sie mit der Spartakusgruppe 1917 abgedrängt worden war. Als Karl Radek, Lenins Mann für Deutschland, nach Weihnachten 1918 in Berlin jedoch drohte, mit russischem Geld eine neue linksradikale Partei zu gründen, kapitulierte Rosa Luxemburg. Keinesfalls wollte sie die deutsche Linke den Bolschewiki ausliefern. Lieber trat sie selbst nach vorn, konnte sich aber nicht einmal beim zukünftigen Namen durchsetzen. Statt einer »Sozialistischen« wurde eine »Kommunistische Partei« gegründet.
Von der Anfang Dezember 1918 gegründeten Antibolschewistischen Liga in Umlauf gebrachtes Plakat. Verfolgt und ermordet wurde Rosa Luxemburg 1919 nicht nur als die einflussreichste Frau der deutschen Linken, sondern auch als »galizische Jüdin«.
»Das Zechgelage der Mörder im Edenhotel« titelte »Die Rote Fahne« vier Wochen nach der Ermordung Rosa Luxemburgs. Am 10. März 1919 wurde in einem Polizeigefängnis auch Leo Jogiches ermordet und sein Mörder befördert.
Denkmal an der Lichtensteinbrücke über den Landwehrkanal im Berliner Tiergarten, gestaltet von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. An dieser Stelle wurde Rosa Luxemburgs Leichnam am 15. Januar 1919 versenkt.

Die letzten 68 Tage im Leben von Rosa Luxemburg sind in dieser Chronik detailliert nachgezeichnet.