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Position 1

Ist eine Reform des Kapitalismus ohne Revolution möglich?

Reform & Revolution

Weil Rosa Luxemburg den Kapitalismus ohne Revolution nicht für reformierbar hielt, ist sie zu Recht bis heute als Revolutionärin verschrien. Eduard Bernstein, ihr Gegenspieler in der SPD, hatte in seinem Buch »Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie« (1899) eine nichtrevolutionäre Überwindung des Profitprinzips auf friedlichem, reformerischem Wege vorgeschlagen. Diese Abwendung von der marxschen Annahme, eine Revolution sei unvermeidbar, solle die Menschheit nicht in Barbarei zurückfallen, hat Rosa Luxemburg scharf zurückgewiesen. Stattdessen plädierte sie für eine reformerische Tagespolitik, die sich an den Erfordernissen einer revolutionären Perspektive ausrichten sollte.

https://www.youtube.com/watch?v=LzK-ASNw09Y
R steht für Rosa, Episode 1: Paul Mason und Rosa Luxemburg zu »Reform oder Revolution«

Für die Lösung der heute anstehenden Probleme ist Luxemburgs Buch »Sozialreform oder Revolution?« (1899) immer noch bedeutend. Darin umging sie die Falle, in die eine Gegenübersetzung von Reform und Revolution zwangsläufig führt. Genau an dieser Diskussion jedoch sollte – schon vor ihrer Ermordung – die sozialistische Arbeiterbewegung sich spalten: in eine Richtung, die mit reformerischen Methoden die Dominanz der Profitinteressen zu überwinden suchte, und in eine, die mit revolutionären Methoden das gleiche Ziel anstrebte. Durch die Aufspaltung der kapitalismuskritischen Kräfte in zwei Hauptströme und viele kleine Mündungsrinnsale entstand ein riesiges »sozialistisches Delta«. Das freie Meer des Sozialismus erreichte keines dieser Flüsse, weder der der die Revolution postulierenden Kommunisten noch der der Erben Eduard Bernsteins. Dieses Scheitern der sozialistischen Politik öffnete Raum für den Faschismus und in den 1970er-Jahren für den Neoliberalismus, der Wirtschaft und Gesellschaft dieser Welt bis heute prägt.

Rosa Luxemburg hoffte, mit einem Zusammenspiel aus Reform und Revolution eine erneuerte Wirtschaft einführen zu können, wobei Revolution für sie nicht gleichbedeutend mit der Anwendung von Gewalt war:

»In den bürgerlichen Revolutionen waren Blutvergießen, Terror, politischer Mord die unentbehrliche Waffe in der Hand der aufsteigenden Klassen. – Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie hasst und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte.«[1]

Revolutionäre Gewalt war für Rosa Luxemburg allenfalls als Gegengewalt akzeptabel – dann, wenn die Herrschenden Prinzipien des Rechtes brachen und ihrerseits zur Gewalt griffen. Terror hingegen lehnte Luxemburg ab, den individuellen Terror ohnehin, da er stets nur noch mehr staatliche Unterdrückung legitimierte. Stattdessen stimmte sie mit der frühen westeuropäischen sozialistischen Bewegung überein, die in einer Verbindung aus politischer Schulung, Organisation und Kampf der Massen die Methoden gesehen hatte, die Gesellschaft vom Profitprinzip zu befreien:

»Nicht die Anwendung der physischen Gewalt, wohl aber die revolutionäre Entschlossenheit der Massen, in ihrer Streikaktion nötigenfalls vor den äußersten Konsequenzen der Kampfsituation nicht zurückzuschrecken und alle Opfer zu bringen, verleiht dieser Aktion an sich eine so unwiderstehliche Gewalt, dass sie häufig den Kampf in kurzer Frist zu namhaften Siegen zu führen vermag.«[2]

Revolutionen erwuchsen für Rosa Luxemburg aus dem Klassenkampf. Marx’ 1848 geäußerte – von Friedrich Engels 1895 schon zumindest halb wieder aufgegebene – Erwartung, eine Revolution werde umstandslos das Tor zum Sozialismus aufstoßen, teilte Rosa Luxemburg spätestens nach der niedergeschlagenen russischen Revolution von 1905/06 nicht mehr. Sie begriff: Jede Revolution erleidet nach dem unvermeidlichen Erlahmen der sie treibenden Kräfte einen Rückschlag. Der falle allerdings umso geringer aus, je weiter die Revolution nach links getrieben werde bis hin zu einer – zeitweiligen, weil nicht dauerhaft lebensfähigen – Diktatur des Proletariats. Das ist der zentrale Punkt in Rosa Luxemburgs Revolutionsverständnis.

Revolutionen verstand Rosa Luxemburg von nun an als langfristige, immer wieder unterbrochene Prozesse, als Zyklen und nicht mehr als Einzelereignisse. Ein sozialistischer Umsturz sei nicht »innerhalb von 24 Stunden zu bewältigen«, sondern präge einen langen geschichtlichen Abschnitt.

Vor dem Hintergrund heutiger Protestbewegungen, nicht zuletzt der Klimaproteste, gewinnen Rosa Luxemburgs Überlegungen zum Zusammenspiel von Reform und Revolution an Aktualität. Weltweite Bewegungen wie Fridays for Future zeigen, dass sie einen Druck aufzubauen vermögen, der das politische System zu Veränderungen zwingt.

Fußnoten
  1. Rosa Luxemburg: Was will der Spartakusbund? [Dezember 1918], in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974, S. 443.
  2. Rosa Luxemburg: Das belgische Experiment, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 3, Berlin 1973, S. 204.
Position 2

Warum ist Freiheit immer Freiheit der Andersdenkenden?

Freiheit

Immanuel Kants Postulat, dass die Freiheit des Einzelnen an der Freiheit des anderen endet, bildete den Ausgangspunkt für Rosa Luxemburgs Freiheitsverständnis. Freiheit als Privileg sei keine Freiheit, sondern nur das Verharren in einem goldenen Käfig. Gesellschaftliche Veränderungen konnten sich für Rosa Luxemburg am schnellsten in vollständiger Freiheit, vor allem in Revolutionen, vollziehen. Unumkehrbar werden Veränderungen, wenn die unterliegende Seite erst dann kapituliert, nachdem sie alle Potenzen ausgeschöpft hat und in völliger Freiheit untergeht.

Den meisten linken Politikern hatte Rosa Luxemburg die Einsicht voraus, dass die Freiheit der Andersdenkenden eine emanzipatorische Politik überhaupt erst ermöglicht:

»Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der  ›Gerechtigkeit‹, sondern weil all das Belebende, Heilsame und  Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die  ›Freiheit«  zum Privilegium wird.« [1]

Eine Emanzipation mit antiemanzipatorischen Mitteln und Methoden anzustreben, also das leninistische Politikkonzept, hätte für Rosa Luxemburg ein Aufgeben ihres politischen Ansatzes bedeutet. Unterdrückung lässt sich nicht durch Unterdrückung abschaffen.

Luxemburg unterschied politische und soziale Freiheiten. Die politischen Freiheiten begannen mit der Freiheit des Eigentums, ohne die eine kapitalistische Marktwirtschaft nicht lebensfähig ist. Diese Freiheit war das zentrale Ziel des einstigen revolutionären Bürgertums gewesen und hatte einen ersten Schutz vor der Willkür des Staates geboten, abgesichert durch einen Rechtsstaat. Es folgten die Unversehrtheit der Person, Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit, das Wahlrecht einschließlich des Schutzes der in Wahlen Unterlegenen, die Versammlungsfreiheit, die Freiheit, sich zu organisieren, das Briefgeheimnis, die Unantastbarkeit der Wohnung, das Telefongeheimnis. Diese Freiheiten, die heute zum nicht antastbaren Kernbestand des Grundgesetzes der Bundesrepublik gehören (Art. 1 und 20 GG), waren schon für Rosa Luxemburg nicht verhandelbar.

Sozialismus war für sie nichts anderes als die Ergänzung der politischen Freiheiten um die soziale Freiheit von Ausbeutung und allen Formen der Abhängigkeit. (Der von den Bolschewiki praktizierte »Sozialismus« stellte das Gegenteil dar. Das machte Rosa Luxemburg für sie so gefährlich.)

Rosa Luxemburg war klar: Nur durch das Austragen der Gegensätze kann der »Rest der Gesellschaft« der eigenen Unterdrückung und Ausbeutung gewahr werden und sich so von der Herrschaft über die eigenen Köpfe befreien. Paul Levi, einer ihrer Partner, hat das nach ihrer Ermordung so formuliert:

„Sie wusste den Kampf als Kampf, den Krieg als Krieg, den Bürgerkrieg als Bürgerkrieg zu führen. Aber sie konnte sich den Bürgerkrieg nur vorstellen als ein freies Spiel der Kräfte, in dem selbst die Bourgeoisie nicht durch Polizeimaßnahmen in die Kellerlöcher verbannt wird, weil nur im offenen Kampf der Massen diese wachsen, sie die Größe und Schwere ihres Kampfes erkennen konnten. Sie wollte die Vernichtung der Bourgeoisie durch öden Terrorismus, durch das eintönige Geschäft des Henkens ebenso wenig, als der Jäger das Raubzeug in seinem Walde vernichten will. Im Kampf mit diesem soll das Wild stärker und größer werden. Für sie war die Vernichtung der Bourgeoisie, die auch sie wollte, das Ergebnis der sozialen Umschichtung, die die Revolution bedeutet.” [2]

Rosa Luxemburg war tief davon überzeugt, dass alles Künstliche, alle »von oben« geschaffenen Verhältnisse in die Diktatur einer Minderheit und damit in eine Terrorherrschaft münden. Die Geschichte des Sozialismus des 20. Jahrhunderts hat das blutig bestätigt.

Fußnoten
  1. Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974, S. 359.
  2. Paul Levi: Einleitung zu »Die Russische Revolution. Eine kritische Würdigung. Aus dem Nachlass von Rosa Luxemburg«, in: ders.: Ohne einen Tropfen Lakaienblut. Schriften, Reden, Briefe, hrsg. von Jörn Schütrumpf, Band I/4: Spartakus: Abschied ohne Ankunft, 1921/22, Berlin 2020, S. 1035.
Position 3

Das Geheimnis von Kolonialismus und Imperialismus

Akkumulation des Kapitals

Zur DNA des Kapitalismus gehört, um den Preis des Untergangs, das ständige Wachstum der Absatzmärkte. Rosa Luxemburg erkannte, dass der – damals noch nichtkapitalistische – globale Süden für die kapitalistische Produktionsweise unverzichtbar ist, sowohl als Absatzmarkt als auch als Rohstoffquelle. Diese »Einbindung in den Weltmarkt« funktioniert jedoch nicht ohne Enteignungen, die die Zerstörung der traditionellen Gemeinwesen bewirken – oft durch militärische Gewalt. Damit hatte Rosa Luxemburg nicht nur das Geheimnis des Kolonialismus, sondern auch das der imperialistischen Kriege gelüftet.

https://www.youtube.com/watch?v=6uacxlEtVLU
R steht für Rosa, Episode 2: Paul Mason und Rosa Luxemburg zu »Imperialismus und Krieg«

Um die kapitalistische Mehrwertproduktion analysieren zu können, hatte sich Marx entschlossen, mit einem vereinfachten Modell zu arbeiten. Er unterstellte eine Gesellschaft, die lediglich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, eine Gesellschaft also, die es so nie gegeben hat – was Marx selbst immer wieder betont hat. Doch nur unter diesen »Laborbedingungen« war es ihm möglich, wichtige Grundzusammenhänge dieser Produktionsweise freizulegen. Er konnte zeigen, wie der Mehrwert entsteht, wie er nicht konsumiert, sondern in die Produktion eingespeist (akkumuliert) wird, um noch mehr Waren herzustellen und noch mehr Profit zu erzielen. Jeder Kapitalist, der sich diesem Spiel verweigere, werde über kurz oder lang niederkonkurriert.

Marx lässt aus der Sicht Rosa Luxemburgs die Frage offen, woher das Geld kommt, damit die aus der erweiterten Produktion fließende Warenmasse auch verwertet, d.h. zu einem Preis, der die Realisierung eines Mehrwerts für den Verkäufer sichert, von den Konsumenten gekauft werden kann. Letzteres ist aber Voraussetzung dafür, dass das in Waren angelegte Kapital sich in mehr Kapital verwandelt, eben Akkumulation und Wachstum möglich werden.

Hier setzte Rosa Luxemburg an. Sie ging davon aus, dass in einer Gesellschaft, die nur aus Kapitalisten und Lohnarbeitern bestünde, eine Ausdehnung des Absatzes unmöglich ist. Sie verwarf aber Marx deshalb nicht, sondern nahm seine Erkenntnisse und begab sich auf den Rückweg – von der Abstraktion zur Wirklichkeit. Dort stieß sie auf einen dritten Bereich: die nichtkapitalistischen Absatzmärkte. Ihre Erkenntnis:

»Die kapitalistische Produktion ist als echte Massenproduktion auf Abnehmer aus bäuerlichen und Handwerkskreisen der alten Länder sowie auf Konsumenten aller anderen Länder angewiesen, während sie ihrerseits ohne Erzeugnisse dieser Schichten und Länder (sei es als Produktions-, sei es als Lebensmittel) technisch gar nicht auskommen kann. So musste sich von Anfang an zwischen der kapitalistischen Produktion und ihrem nichtkapitalistischen Milieu ein Austauschverhältnis entwickeln, bei dem das Kapital sowohl die Möglichkeit fand, den eigenen Mehrwert für Zwecke weiterer Kapitalisierung in blankem Gold zu realisieren, als sich mit allerlei nötigen Waren zur Ausdehnung der eigenen Produktion zu versehen, endlich durch Zersetzung jener nichtkapitalistischen Produktionsformen immer neuen Zuzug an proletarisierten Arbeitskräften zu gewinnen.« [1]

Diese Auffassung hat Rosa Luxemburg 1913 – in epischer Breite – in ihrem Werk »Die Akkumulation des Kapitals« entwickelt. Doch ihr Buch ist nur teilweise gelungen. Die ersten 200 Seiten lesen sich über weite Strecken wie eine Selbstverständigung. Ganz anders fallen die sieben historischen Kapitel am Ende des Bandes aus – sie sind Weltliteratur.

Erst in einem weiteren Werk, das unter dem Titel »Antikritik« bekannt geworden ist, kam sie zu ihrem entscheidenden Punkt:

»In den überseeischen Ländern ist die Unterjochung und Zerstörung der traditionellen Gemeinwesen die erste Tat, der welthistorische Geburtsakt des Kapitals und seitdem ständige Begleiterscheinung der Akkumulation. Durch den Ruin der primitiven, naturalwirtschaftlichen, bäuerlich patriarchalischen Verhältnisse jener Länder öffnet das europäische Kapital dort dem Warenaustausch und der Warenproduktion das Tor, verwandelt ihre Einwohner in Abnehmer für kapitalistische Waren und beschleunigt zugleich gewaltig die eigene Akkumulation durch direkten massenhaften Raub an Naturschätzen und aufgespeicherten Reichtümern der unterjochten Völker. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts geht Hand in Hand mit jenen Methoden die Ausfuhr des akkumulierten Kapitals aus Europa nach den nichtkapitalistischen Ländern der anderen Weltteile, wo es auf neuem Felde, auf den Trümmern einheimischer Produktionsformen, einen neuen Kreis von Abnehmern seiner Waren und damit eine weitere Akkumulationsmöglichkeit findet. So breitet sich der Kapitalismus dank der Wechselwirkung mit nichtkapitalistischen Gesellschaftskreisen und Ländern immer mehr aus, indem er auf ihre Kosten akkumuliert, aber sie zugleich Schritt für Schritt zernagt und verdrängt, um an ihre Stelle selbst zu treten.« [2]

Die »Antikritik« verfasste Rosa Luxemburg 1915, als sie wegen erwiesenem Antimilitarismus eine einjährige Gefängnisstrafe im »Weiber-Gefängnis« in Berlins Barnimstraße abzusitzen hatte. Da damals niemand wagte, von der Ausgestoßenen etwas zu drucken, erschien das Buch erst 1921 bei Frankes Verlag in Leipzig, zwei Jahre nach der Ermordung der Autorin.

Über die Konsequenzen der kapitalistischen Produktionsweise schrieb Rosa Luxemburg: »Je mehr kapitalistische Länder aber an dieser Jagd nach Akkumulationsgebieten teilnehmen und je spärlicher die nichtkapitalistischen Gebiete werden, die der Weltexpansion des Kapitals noch offenstehen, um so erbitterter wird der Konkurrenzkampf des Kapitals um jene Akkumulationsgebiete, umso mehr verwandeln sich seine Streifzüge auf der Weltbühne in eine Kette ökonomischer und politischer Katastrophen: Weltkrisen, Kriege, Revolutionen.« [3]

Verstand Rosa Luxemburg die Unterwerfung nichtkapitalistischer Produktionsweisen unter die Logik der Kapitalverwertung noch als einen einmaligen Vorgang, so hat die Entwicklung gezeigt, dass es sich in Wirklichkeit um eine immer tiefere Durchdringung aller gesellschaftlichen Beziehungen handelt. Luxemburgs Vorstellung, die Durchkapitalisierung der Welt werde an eine ökonomische Grenze stoßen, war also zu kurz gedacht.

Rosa Luxemburg beeinflusste mit ihren Analysen den späteren Dritte-Welt-Diskurs und die Frauenbewegung der 1970er-Jahre. David Harvey zeigte zu Anfang der 2000er-Jahre, wie die »Akkumulation durch Enteignung« – so auch der deutsche Untertitel seines wichtigsten Buches (2003) – nun auch auf öffentliche Güter übergreift: in Form der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, des Gesundheits- und Bildungswesens, des Kulturbetriebs und weiterer Bereiche. Heute wird die Akkumulation auch unter den Gesichtspunkten der »inneren Kolonien«, der »Landnahme«, des Haushalts als kostenlosem Produktionsort der Ware Arbeitskraft und der unterbezahlten Care-Arbeit diskutiert.

Auf andere Weise taucht Rosa Luxemburgs Gedanke von den Grenzen der Durchkapitalisierung, darauf hat Isabel Loureiro aufmerksam gemacht, im ökologischen Diskurs wieder auf: »Das aktuelle Modell der ›Akkumulation durch Expropriation‹ ist neben anderen Problemen mit landwirtschaftlichen Problemen verbunden, die nicht nachhaltig sind: Expansion von Monokulturen, Anwendung von Pestiziden, Bodendegradation, Entwaldung, Zerstörung der Biodiversität, Verschwendung von Wasserressourcen, Verschmutzung der Wasserquellen, Gefahr für die Nahrungssicherheit, Anstieg der Nahrungsmittelpreise.« Das Kapital, so Loureiro, könne nicht ewig akkumulieren. »Allerdings nicht, weil die gesamte Welt einst durchkapitalisiert sein wird, sodass der Kapitalismus wie bei Luxemburg seine logische und historische Grenze finden würde, sondern wegen der natürlichen Grenzen unseres Planeten.« [4]

Fußnoten
  1. Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals oder Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik [1915/1921] in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 5, Berlin 1975, S. 429.
  2. Ebd., S. 429 f.
  3. Ebd., S. 430.
  4. Isabel Loureiro: Die Aktualität von Rosa Luxemburgs »Akkumulation des Kapitals« in Lateinamerika, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2013 (II), S. 121.
Position 4

Wie sah für Rosa Luxemburg eine Alternative zum Kapitalismus aus?

Sozialismus

Die Wachstumsmaschine Kapitalismus läuft – trotz Fridays for Future – ungehinderter denn je, nicht nur in China und Indien. Kapitalismus ohne Wachstum ist undenkbar, unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten auch. Trotzdem sind die bisherigen Alternativen zur Zerstörung der Natur und zur Unterwerfung des menschlichen Lebens unter die Kapitalverwertung diskreditiert: Die sozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts brachten weder Freiheit, noch zeichneten sie sich durch einen schonenden Umgang mit Natur und Umwelt aus. Allerdings befördert die heutige Vielfachkrise des Kapitalismus die Suche nach weiteren Alternativen; auch eine neue Diskussion über einen Sozialismus im 21. Jahrhundert hat begonnen. Diese kann bei Rosa Luxemburg anknüpfen, die einen lebendigen, widerspruchsvollen und in jeder Hinsicht demokratischen Sozialismus anstrebte. Als den »wahren Odem des Sozialismus« sah sie »rücksichtsloseste revolutionäre Tatkraft und weitherzigste Menschlichkeit«.

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R steht für Rosa, Episode 3: Paul Mason und Rosa Luxemburg zu »Ordnung herrscht in Berlin«

Rosa Luxemburg dachte den Sozialismus als eine Einheit aus politischen und sozialen Freiheiten. Damit geriet sie sofort in Konflikt mit Lenin und Trotzki, den Führern der Bolschewiki, die im Oktober 1917 in Russland die Macht übernommen und die politischen Freiheiten abgeschafft hatten. Luxemburg schrieb im September 1918: »Wir unterschieden stets den sozialen Kern von der politischen Form der bürgerlichen Demokratie, wir enthüllten stets den herben Kern der sozialen Ungleichheit und Unfreiheit unter der süßen Schale der formalen Gleichheit und Freiheit – nicht um diese zu verwerfen, sondern um die Arbeiterklasse dazu anzustacheln, sich nicht mit der Schale zu begnügen, vielmehr die politische Macht zu erobern, um sie mit neuem sozialen Inhalt zu füllen.« [1]

Nichts fürchtete Rosa Luxemburg mehr, als dass durch die Herrschaftspraxis der Bolschewiki die sozialistische Idee ihrer wichtigsten Bedeutung beraubt würde: eine Alternative zu Unterdrückung, Ausbeutung und Herabwürdigung werden zu können. Weil Sozialismus nicht durch eine Hintertür eingeführt werden könne, sei es in der Friedhofsruhe einer Diktatur, auch einer »linken«, unmöglich, Sozialismus freizusetzen. Sozialismus müsse von einer Mehrheit gewollt werden und sei deshalb eine Angelegenheit größtmöglicher Öffentlichkeit. Seine Attraktivität könne sich nur in der öffentlichen Auseinandersetzung entfalten. In Revolutionen waren für Luxemburg nicht die »revolutionären Parteien«, sondern ausschließlich die Massen diejenigen, die die Gesellschaft in Richtung Sozialismus verändern können. Demokratie bildete dabei und dafür alternativlos die Grundlage. Sozialismus ließ sich für Luxemburg zudem nicht verordnen, schon weil Sozialismus der Freiheit als Voraussetzung bedürfe, die aber nie von oben kommen könne, sondern von unten gewollt sein müsse.

Ins Zentrum ihres Politikansatzes stellte Rosa Luxemburg die von Marx in kleinem Kreis immer wieder geäußerte Alternative »Sozialismus oder Barbarei«. Sollte die Menschheit nicht einen Ausweg aus der Profitdominanz finden, werde die Gattung Mensch rettungslos der Barbarei verfallen. Nach zwei Weltkriegen, dem Scheitern des Staatssozialismus und der immer sichtbarer werdenden Störanfälligkeit der kapitalistischen Produktionsweise lassen sich die Grundgedanken Luxemburgs – ebenso politische wie soziale Freiheit zu schaffen, Gesellschaft und Natur zusammen zu denken – nutzen, um Grundzüge einer alternativen Gesellschaft zu entwickeln.

»Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, anstelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen. Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterstützt hat.« [2]

Fußnoten
  1. Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution [September/Oktober 1918], in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974, S. 363.
  2. Ebd.
Position 5

Befreiung des Menschen durch lebenslanges Lernen

Emanzipation

Emanzipation war für Rosa Luxemburg das Ziel der Gattung Mensch und nicht nur eines ihrer Geschlechter. In Anlehnung an Marx forderte sie, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. Gleichzeitig hasste sie es, Probleme einseitig zu betrachten. Voraussetzung für Emanzipation war für Luxemburg Bildung. Auch die sah sie nicht eindimensional. Lernen hatte für Rosa Luxemburg einen Doppelcharakter: als Aneignung der Menschheitskultur im weitesten Sinn und durch Selbstbetätigung in der gemeinschaftlichen Aktion. Bei beiden waren positive und, mehr noch, negative Erfahrungen unerlässlich.

Emanzipation reduzierte sich für Rosa Luxemburg nicht auf die Emanzipation der Frau:

»Der wissenschaftliche Sozialismus lehrt uns Frauen, dass wir unsere volle menschliche Befreiung einzig und allein mit der Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln in einer sozialistischen Ordnung erlangen können. Er macht es uns damit zur Pflicht jeder Stunde, für dieses hehre Ideal zu wirken, das das geschichtlich gegebene Ziel der Arbeiterbewegung ist. Den Proletariern ihrerseits erklärt der wissenschaftliche Sozialismus, dass sie dieses ihr Ziel nicht ohne die bewusste, tätige Unterstützung der breitesten Frauenmassen zu erreichen vermögen. Tatsachen über Tatsachen bekräftigen es. Das rasche und starke Anschwellen der beruflichen Frauenarbeit zwingt die für Lohn oder Gehalt Schaffenden, in der Erwerbsgenossin eine Gefährtin im Ringen um würdige Daseinsbedingungen zu achten und zu gewinnen.« [1]

Emanzipation war für Luxemburg kein einmaliger Akt der Befreiung, geschweige denn der einer Deklamation, sondern bedeutete eine ständige Auseinandersetzung – mit sich selbst wie mit allen Facetten von Gesellschaft und Natur. Das setzte Bildung voraus und lebenslanges Lernen. Nur durch ständige Lern- und Bildungsprozesse könnten eigene und gesellschaftliche Emanzipation und Veränderung hervorgebracht werden.

Entsprechend arbeitete Rosa Luxemburg, wenn sie lehrte: Sie provozierte Selbstermächtigung. Das tat sie auch, wenn sie Nationalökonomie unterrichtete.

„Durch Fragen und immer erneutes Fragen und Forschen holte sie aus der Klasse heraus, was nur an Erkenntnis über das, was es festzustellen galt, in ihr steckte. Durch Fragen beklopfte sie die Antwort und ließ uns selbst hören, wo und wie es hohl klang, durch Fragen tastete sie die Argumente ab und ließ uns selbst sehen, ob sie schief oder gerade waren, durch Fragen zwang sie über die Erkenntnis des eigenen Irrtums hin zum eigenen Finden einer hieb- und stichfesten Lösung.« [2]

Lernen beschränkte sich für Rosa Luxemburg allerdings nicht auf Bildung. Mehr noch bedurfte Emanzipation des aus der Erfahrung stammenden Wissens um die eigenen Stärken und, nicht minder, um die eigenen Schwächen. Ohne zielgerichtetes Handeln seien Erfahrungen nicht zu erlangen, und seien diese mitunter auch sehr schmerzhaft. Die Erfahrungen wirkten sich umso produktiver aus, je kollektiver sie gemacht und verarbeitet werden. Mit dieser Auffassung brachte Rosa Luxemburg alle Parteivorstände dieser Welt gegen sich auf – die doch stets zu wissen glauben, was für ihre Anhängerschaft das Beste ist:

»Der kühne Akrobat übersieht dabei, dass das einzige Subjekt, dem jetzt diese Rolle des Lenkers zugefallen, das Massen-Ich der Arbeiterklasse ist, das sich partout darauf versteift, eigene Fehler machen und selbst historische Dialektik lernen zu dürfen. Und schließlich sagen wir doch unter uns offen heraus: Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermesslich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten ›Zentralkomitees‹.« [3]

Auf diese Zusammenhänge kam Luxemburg immer wieder zurück: Erfahrungen gewinne eine Klasse nur im Kampf – denn nur in ihm würden die vereinzelten Individuen zu einer Klasse und damit zu einem politischen Faktor. Schematismus, die Vorstellung, Kämpfe nach einer fertigen, in einem Buch niedergelegten Theorie führen zu können, lehnte sie ab. Sie meinte: »Mitten in der Geschichte, mitten in der Entwicklung, mitten im Kampf lernen wir, wie wir kämpfen müssen.« [4]

Als die SPD 1912 große Stimmengewinne bei den Reichstagswahlen erzielte und ihre Führung mehr denn je suggerierte, der Parlamentarismus sei der allein gangbare Weg zum Sozialismus, war es Rosa Luxemburg, die die Siegerlaune dämpfte. Sie warnte die vier Millionen Wähler der Sozialdemokratie, den Kampfplatz der Partei zu überlassen: »Ihr habt jetzt eure Macht gezeigt, ihr müsst sie auch zu gebrauchen lernen.« [5] Rosa Luxemburg hätte das Agieren heutiger (linker) Parteien wohl kritisiert. Aus ihrer Sicht führten nur das Lernen aus Fehlern und eine ständige Auseinandersetzung zum Ziel und nicht ein selbstreferenzielles, die eigene Position um jeden Preis verteidigendes Herangehen. Die dadurch entstehende Entmündigung der Parteibasis wie der Wählerschaft hielt sie für das Gegenteil von Emanzipation.

Fußnoten
  1. Rosa Luxemburg: Mehr Sozialismus, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 7/2, Berlin 2017, S. 935.
  2. Rosi Wolfstein, 1920, zitiert in: Jörn Schütrumpf (Hrsg.): Rosa Luxemburg oder: Der Preis der Freiheit, 3., überarb. u. erg. Aufl., Berlin 2018, S. 102.
  3. Rosa Luxemburg: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 1/2, Berlin 1970, S. 444.
  4. Rosa Luxemburg: Der politische Massenstreik und die Gewerkschaften. Rede am 1. Oktober 1910 in Hagen in der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 2, Berlin 1972, S. 465.
  5. Rosa Luxemburg: Unser Wahlsieg und seine Lehren. Rede am 1. März 1912 in Bremen, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 3, Berlin 1973, S. 132 f.
Position 6

Wie sah Rosa Luxemburg Kriege?

Krieg

Für Rosa Luxemburg war Krieg in der imperialistischen Phase der kapitalistischen Moderne nur schwer vermeidbar. Das hielt sie aber nicht davon ab, die Kriegsgefahr zu bekämpfen und dafür auch ins Gefängnis zu gehen. Nicht nur als Humanistin, also aus ethischen Gründen, war Rosa Luxemburg eine Gegnerin von Gewalt und Krieg, sondern auch als Revolutionärin. Hatte Marx noch in den 1860er Jahren pauschal gemeint: »Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz«, so hatte in den 1890er Jahren sein Alter ego, der Militärspezialist Friedrich Engels, diese Aussage eingegrenzt: Militärische Gewalt in einer sozialistisch-proletarischen Revolution, allem voran die Barrikade, erklärte er für überholt: Auf Grund des in der Waffentechnik erreichten Standes sei in einer militärischen Auseinandersetzung die Niederlage des revolutionären Lagers unausweichlich. Offene Gewalt, gar Bürgerkrieg führe – zumindest in den Staaten westlich von Russland – in den Untergang. Künftig gehe es nicht mehr um militärische Überrumplung durch eine kleine Gruppe wie in den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts, sondern um zivile Übermacht.

Rosa Luxemburg meinte, zu der gelange das revolutionäre Lager am sichersten durch den politischen Massenstreik, den sie in der russischen Revolution von 1905/06 selbst erlebt hatte. In ihm sollten die Proletarier das Bewusstsein der eigenen Macht erlangen, sich so aus der geistigen Vorherrschaft der bürgerlichen Gesellschaft befreien, um dann – in einem zweiten Schritt – die Widerstandskraft des herrschenden Lagers, Staat und Kirche eingeschlossen, nach und nach zu lähmen. Gewalt: Ja, Blutvergießen: Nein. Die Zeit gewinnbarer Bürgerkriege war schlichtweg vorbei. Erprobt wurde diese Strategie erst Jahrzehnte später: 1980 ff., beginnend mit der polnischen Gewerkschaft »Solidarność« und endend mit der Implosion des europäischen Staatssozialismus. Von Rosa Luxemburg wussten die Akteure allerdings nicht viel, manche meinten sogar, sie als eine Ahnherrin des Staatssozialismus – postum – zu bekämpfen. Im Übrigen: Frieden bringt jedes System, das auf Unterdrückung gründet, früher oder später zum Einsturz.

Doch nicht nur aus diesem Grunde gelüstete es vor dem Ersten Weltkrieg in den stärksten Staaten die Herrschenden nach Krieg – was die Ökonomin Rosa Luxemburg schon vor der Jahrhundertwende begriffen hatte:

»Die Ausbildung der Weltwirtschaft und die Verschärfung und Verallgemeinerung des Konkurrenzkampfes auf dem Weltmarkte haben den Militarismus und den Marinismus als Werkzeuge der Weltpolitik zum tonangebenden Moment ebenso des äußeren wie des inneren Lebens der Großstaaten gemacht.«

Der Mainstream bewege sich Richtung Krieg, erklärte sie, nur aufgeklärte und kampfbereite Massen könnten die Katastrophe abwenden. Nicht zuletzt deshalb schrieb sie 1913 »Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus«. 

Um die kapitalistische Produktionsweise am Laufen zu halten, müssten immer mehr noch nicht in den Weltmarkt einbezogene Gebiete erobert und durchkapitalisiert werden. Da mitjeder Ausweitung diese Räume immer kleiner würden, verschärfe sich die Konkurrenz zwischen den Großmächten derart, die sie im Krieg eine realistische Möglichkeit sehen lässt. 

Allerdings war Rosa Luxemburg mit ihren Einsichten nicht nur ihrer Zeit deutlich voraus, sondern vereinsamte auch an ihnen. Denn kaum jemand wollte sie hören. Nach zwei JahrenWeltkrieg fasste sie das unterdessen Geschehene kurz und bündig zusammen: 

»Auf seinen objektiven historischen Sinn reduziert, ist der heutige Weltkrieg als Ganzes ein Konkurrenzkampf des bereits zur vollen Blüte entfalteten Kapitalismus um die Weltherrschaft, um die Ausbeutung der letzten Reste der nichtkapitalistischen Weltzonen.«

Für die Arbeiterschaft war der Weltkrieg eine Katastrophe:

»Das Ziel seiner Reise, seine Befreiung hängt davon ab, ob das Proletariat versteht, aus den eigenen Irrtümern zu lernen. Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung. Der Fall des sozialistischen Proletariats im gegenwärtigen Weltkrieg ist beispiellos, ist ein Unglück für die Menschheit. Verloren wäre der Sozialismus nur dann, wenn das internationale Proletariat die Tiefe dieses Falls nicht ermessen, aus ihm nicht lernen wollte.«

Diese Diagnose war richtig.

Als dieser Krieg – in Asien ab 1937 und in Europa ab 1939 – als »Zweiter Weltkrieg« fortgeführt wurde, war Rosa Luxemburg schon lange tot – erschossen von deutschen Militärs, die während des Weltkriegs genügend Zeit gehabt hatten, das Morden einzuüben.

Position 7

War Rosa Luxemburg eine Leninistin?

Lenin und die Diktatur des Proletariats

Immer wieder gibt es Versuche, Rosa Luxemburg an die Seite Lenins zu rücken. Dafür müssen allerdings ihre Positionen vergessen gemacht werden, hatte sie doch schon nach wenigen Monaten Herrschaft der Bolschewiki unmissverständlich geschrieben:

»Die Praxis des Sozialismus erfordert eine ganze geistige Umwälzung in den durch Jahrhunderte der bürgerlichen Klassenherrschaft degradierten Massen. Soziale Instinkte anstelle egoistischer, Masseninitiative anstelle der Trägheit, Idealismus, der über alle Leiden hinweg trägt usw. usw. Niemand weiß das besser, schildert das eindringlicher, wiederholt das hartnäckiger als Lenin. Nur vergreift er sich völlig im Mittel. Dekret, diktatorische Gewalt der Fabrikaufseher, drakonische Strafen, Schreckensherrschaft, das sind alles Palliative. Der einzige Weg zur Wiedergeburt ist die Schule des öffentlichen Lebens selbst, uneingeschränkte breiteste Demokratie, öffentliche Meinung. Gerade die Schreckensherrschaft demoralisiert. [… Sie ist] nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d. h. Diktatur im bürgerlichen Sinne.«

1907 auf dem »Internationalen Sozialistenkongress« in Stuttgart hatten Lenin und Rosa Luxemburg in einer Frage noch Seite an Seite gestanden: Gemeinsam konnten sie für die Ergänzung der an sich lauen Erklärung über die bei Ausbruch eines Krieges einzuschlagende Politik der sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien eine breite Zustimmung des Kongresses bekommen: 

»Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.«

Als Kind aus dem zaristischen Russland unterschied Lenin nicht zwischen der Herrschaft einer Klasse, also einer Klassendiktatur, und den verschiedenen Staatsformen, in denen sie ausgeübt werden kann, darunter durch die Demokratie. Stattdessen vermengte Lenin Klassenherrschaft und Staatsform, begriff also den archimedischen Punkt der marxschen Staatsauffassung nicht: Die Errichtung und Aufrechterhaltung einer Klassenherrschaft ist das Ziel, die Staatsform das Mittel, mit dem dieses Ziel erreicht werden kann. Dass eine Klassenherrschaft nicht nur mit der Staatsform Diktatur, sondern auch mit der Staatsform Demokratie ausgeübt werden kann, blieb Lenin verschlossen. 

Der einzige Weg, der gestattete, zur Demokratie zu gelangen, war für Lenin über die offene Diktatur – in der Gewalt als »Geburtshelfer« (Marx) einer von Unterdrückung und Ausbeutung freien Gesellschaft auszuüben war. Rosa Luxemburg hingegen plädierte in der Frage, welche Staatsform proletarische Klassenherrschaft verwirklichen könne, für Demokratie: 

»Sozialistische Demokratie beginnt […] nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk […]. Sozialistische Demokratie beginnt […] mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei. Sie ist nichts anderes als die Diktatur des Proletariats.«

Da der östliche Teil Polens (bis 1918) vom russischen Zarismus besetzt war, strebte Rosa Luxemburg eine Vereinigung ihrer polnischen Partei (SDKPiL) mit der – politisch tief zerstrittenen – russischen Sozialdemokratie an. Ab 1906 wurde die SDKPiL Teil der russischen Partei. In der Frage der Unumgänglichkeit einer zukünftigen Revolution gab es zwischen Rosa Luxemburg und Lenins Bolschewiki noch eine Übereinstimmung. 

Nachdem es bereits 1904 eine erste grundsätzliche Auseinandersetzung mit Lenin gegeben hatte, kam es 1912 zum endgültigen Bruch; auch die letzten Sympathien für Lenin waren für Rosa Luxemburg aufgebraucht. Zudem: Anders als er verwechselte sie sozialistische Politik nie mit bürgerlichem Machtanspruch. Rosa Luxemburg wollte politische Mehrheiten erobern, Lenin die politische Macht. Er, so Luxemburg,

»konnte sich bis heute nicht von der ›Idee‹ der Herrschaft eines kleinen Kreises über die Partei befreien. Schon vor der Revolution [im Russland der Jahre 1905/06] hatte er die Einheit der Partei zerstört – um seine organisatorischen Ideen zu verteidigen, denen zufolge das Zentralkomitee alles, die eigentliche Partei aber nur sein Anhängsel sei: eine seelenlose Masse, die sich mechanisch auf den Wink eines Führers bewegt wie eine exerzierende Armee auf dem Paradeplatz oder wie ein Chor, der nach dem Taktstock des Kapellmeisters singt. […] Mit den Leninisten können wir nicht weiter zusammengehen …«

Nicht zuletzt deshalb suchte Lenin Rosa Luxemburgs Partei, die ab 1912 wieder selbstständig agierende SDKPiL zu spalten. An eine Redaktion in Kopenhagen schrieb die Sozialistin 1913 aus Berlin: 

»Die ›sichere Quelle‹, aus der [sie] ihre Auskunft über polnische Parteiverhältnisse geschöpft hat, ist der Vertreter der russischen sozialdem[okratischen] Fraktion Lenin. Diese Fraktion, die in Russland selbst die Spaltung der Arbeiterpartei und rücksichtslosen Fraktionskampf seit Jahren systematisch betreibt, die ein von niemandem anerkanntes fiktives ›Zentralkomitee‹ gebildet hat, die alle Einigungsbestrebungen hartnäckig hintertreibt und dadurch die russische Parteibewegung an den Rand des Ruins gebracht hat – diese Fraktion ist eine höchst unsichere und unberufene Quelle zur Auskunftserteilung über polnische Parteiverhältnisse.« 

Leo Jogiches, erst Rosa Luxemburgs Lehrer, dann ihr langjähriger Partner und bis zu beider Ende 1919 ihr engster Vertrauter, teilte ihre politischen Auffassungen. 1917 im Sommer, mitten in der russischen Revolution, bemerkte er, dass 

»die russischen Revolutionäre ihre eigenen Methoden und Auffassungen hätten und danach handelten; die Spartakusgruppe müsse zwar die russische Revolution unterstützen, sich aber von Lenin und seiner Partei distanzieren.«

Die Machtübernahme durch die Bolschewiki im November 1917 brachte Jogiches und Rosa Luxemburg allerdings in eine schwierige Lage: Sie wussten, dass an Lenin nunmehr kein Weg vorbeiging und eine gewisse Zurückhaltung geboten sei. Rosa Luxemburg vermied deshalb alles, was geeignet gewesen wäre, Lenin und seinen Anhängern mitten in der Revolution in den Rücken zu fallen, war aber mit der Kritik an ihnen in ihrer im Gefängnis im Herbst 1918 verfassten Schrift »Zur russischen Revolution« immer noch so deutlich, dass dieser Text in der Sowjetunion bis zu deren Ende verboten blieb.

Fussnoten
  1. tba
  2. tba